Warum wir gewinnen, wenn wir verlieren!

Vor ein paar Jahren lernte ich eine Frau kennen, die sehr verloren wirkte.

 

Sie lebte in meiner Nachbarschaft, war ca. 10 Jahre älter als ich, also damals Mitte 40 und ich kannte sie zunächst nur vom Sehen.

 

Hier und da berichtete mir mal jemand von ihr und es fielen auch Beschreibungen wie "depressiv" oder im positivsten Fall noch "sie sei komisch und irgendetwas stimme mit ihr nicht".

Eines Tages traf ich sie, als ich grade mit meinem Hund unterwegs war. Wir grüßten uns, kamen ins Gespräch und liefen ein Stück miteinander.

Sie war sehr nett, ich hatte nicht das Gefühl es mit einem schwer depressiven Menschen zu tun zu haben, aber ich merkte wohl, das irgendetwas, eine Art Lebensgeheimnis über ihr schwebte.

 

Wir begegneten uns in den nächsten Monaten häufiger, manchmal zufällig mit den Hunden, oder wir verabredeten uns auch gezielt, tranken mal Kaffee zusammen oder einen Wein.

 

Sie erzählte hier und da von ihrem Leben und es war klar, irgendetwas war da durcheinander geraten.

Einen sicheren Job hatte sie aufgegeben, probierte hier und da Neues aus, eine feste Beziehung hatte sie nicht und sie schien mir irgendwie ruhelos und in sich instabil, suchend und verloren.

Aber sie war eine durchweg liebenswerte Person und ich kam nicht dahinter, was der Knackpunkt war.

 

Eines Abends erzählte sie mir plötzlich ihre Geschichte, die sie offensichtlich noch nie jemandem, außer einer einzigen Person, erzählt hatte.

 

Sie hatte BWL studiert und nach dem Studium einen guten Job in der Finanzwelt bekommen und sich dort hoch gearbeitet. Sie war erfolgreich in dem was sie tat, lebte ein geregeltes, vielleicht ein bisschen ein langweiliges Leben, hatte einen festen Freund und dachte über Kinder nach.

 

Bei einer Routineuntersuchung wurde eine sehr seltsame Erkrankung bei ihr diagnostiziert, die zunächst keiner richtig erklären oder definieren konnte. Sie pilgerte ein Zeitlang von Arzt zu Arzt und irgendwann stand die Diagnose, dass sie an einer extremen Form der Arterienverkalkung leiden würde, die so schlimm sei, dass sie jederzeit eine Art Hirnschlag bekommen könne und einfach tot umfallen würde.

Keiner konnte ihr sagen, wann das passieren würde, aber da ihre Arterien extrem "zu" seien, dürfte der Zeitpunkt nicht in allzu ferner Zukunft liegen.

Von einem Tag auf den Anderen wurde ihr ihre Zukunft und ihr Leben genommen.

Sie sprach mit niemandem darüber, nicht einmal ihre Eltern informierte sie, weil sie niemanden beunruhigen wollte.

Aber sie traf eine Entscheidung, nämlich die, die ihr verbleibende Zeit so zu leben, wie sie sich das schönste aller möglichen Leben vorstellen konnte.

Sie kündigte ihren Job, wurde Stewardess, um die Welt zu sehen, trennte sich von ihrem Freund und richtete sich eine bezaubernde kleine Wohnung ein, genau so, wie sie es sich ohne jeden Kompromiss wünschte.
Sie löste ihre Sparkonten auf und gab ihr Geld für alles aus, was sie schon immer machen wollte.

Bungeejumping, Fallschirmsprung, mit Delfinen schwimmen, Heißluftballon fahren, die Welt bereisen, Trekking in Nepal, Theater, lange Nächte in tollen Bars, Sonntage im Museum, spirituelle Seminare, einfach für Alles, was ihr in den Sinn kam.

 

In dieser Zeit lernte sie einen Mann kennen. Abends in einer Bar.

Er sprach sie an.

"So eine bezaubernde Frau wie sie, warum sind ihre Augen so traurig?"

 

Sie brach unter dem Damoklesschwert des nahen Todes in der Bar zusammen und weinte. Er nahm sie in den Arm, brachte sie nach draussen und sie erzählte ihm ihre Geschichte.

Die beiden verliebten sich.

Sie, mit der Gewissheit noch einmal lieben zu können, gab alles in diese Beziehung und er, zuhause ebenfalls eine kranke Frau und zwei Kinder, verliebte sich in ihre Zerbrechlichkeit, ihre Offenheit, ihren Charme, wohlwissend, seine Frau nicht verlassen zu können und mit ihr nur eine zeitlich begrenzte Liebe erleben zu dürfen.

 

Es wurde eine große Liebe, weil keiner von Beiden irgendetwas verbarg. Sie gaben sich ohne Wenn und Aber ihren Gefühlen hin, da ihnen klar war, es würde vielleicht kein Morgen geben.

 

Mit dem Bewusstsein keine Zeit verlieren zu dürfen, entstand eine wundervolle und innige Liebe.

Sie stellte keinerlei Anspruch an ihn sich zwischen ihr und seiner Frau zu entscheiden, wusste sie doch um die Sinnlosigkeit dieses Anspruches. Sie liebte ihn sogar noch mehr dafür, dass er, der schon mit einem solch Schicksal zu Hause konfrontiert war, die Kraft aufbrachte, auch sie mit ihrer Endlichkeit derart zu lieben.

 

Sie war glücklich mit ihrem Leben. Sie fühlte sich ganz und komplett mit sich im Reinen.

Die Monate vergangen, sie fiel nicht um und fühlte sich sehr lebendig.

Mittlerweile lag ihre Diagnose fünf Jahre zurück und sie musste wieder zu ihrem Arzt.

 

Er machte die inzwischen bekannten Test, bat sie zu einem Gespräch und saß in einer Mischung aus Verwirrung, Ungläubigkeit und Freude vor ihr, als er ihr eröffnete, dass ihre Arterien den Zustand eines jungen Mädchens erreicht hätten. Unerklärlicherweise keine Spur mehr von Verkalkung, keine Anzeichen einer lebensbedrohlichen Erkrankung.

 

Er schenkte ihr ihr Leben zurück und sie brach das zweite Mal zusammen.

Wie in Trance verließ sie seine Praxis. Ging zu einem zweiten Arzt, um die Diagnose bestätigen zu lassen, und er sagte ihr das Gleiche.

 

Sie war kerngesund.

 

In dem Moment geriet ihr Leben in eine Schieflage.

Ihr fehlte plötzlich der Rahmen, der sie begrenzte. Sie wusste nicht mehr weiter.

 

Ihr sicherer Job war weg, ihre Ersparnisse aufgebraucht, alles was sie schon immer mal tun wollte, hatte sie getan und die Liebe ihres Lebens war ein Mann, mit dem sie eine Beziehung führte, die auf Endlichkeit ausgelegt war.

Sie verlor sich in der plötzlichen Erkenntnis nicht bald sterben zu müssen, sondern noch eine Menge Jahre vor sich zu haben, denn ihr Leben war nicht auf Zukunft ausgelegt.

 

Das alles passierte 10 Jahre bevor ich sie kennenlernte.

In den zehn Jahren versuchte sie ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Zu einem Leben mit Zukunft zurück zu kehren.

Es gelang ihr nicht wirklich gut.

 

Den Job als Stewardess gab sie auf, weil sie plötzlich die Notwendigkeit sah, sich einen Job zu suchen, der ihre Zukunft finanzieren könnte.

Ihre Altersvorsorgen waren alle aufgelöst, ihre Ersparnisse längst verbraucht, denn sie lebte ja von der Hand in den Mund.

Sie bekam viele Ängste, die sich alle darum drehten, wie sie die Jahre bis zu ihrem - nun vermutlich viel späteren - Tod verbringen und absichern sollte.

Sicherheit wurde ein zentrales Thema und verdrängte die Lebensfreude, die sie zuvor empfunden hatte.

Der Mann den sie so liebte erschien ihr plötzlich in einem anderen Licht. Er konnte nicht der Partner sein, mit dem sie eine Zukunft haben konnte, denn er hatte ja schon eine Familie.

Die Beziehung zerbrach.

Sie schämte sich für ihre Undankbarkeit, das Leben geschenkt bekommen zu haben und nichts damit anfangen zu können.

 

Sie verlor sich und fand bis heute nicht mehr wieder zu sich.

 

Sie war oder ist nicht depressiv, aber ihr Leben hatte den Rahmen verloren, der alles zusammenhielt.

 

Die für sie sichere Erkenntnis nur noch eine kurze Lebensdauer vor sich zu haben, gab ihr die Sicherheit und Kraft, alles für ihr Glück tun zu können und zu dürfen.

Als dieser Rahmen wegbrach, tauchten die alten Normen und Werte wieder auf, sich um Sicherheit zu bemühen, für das Alter vorzusorgen, nicht verschwenderisch sondern verantwortungsvoll sein zu müssen, einfach mehr an morgen als an heute zu denken.

 

Das war ihr Geheimnis und das was über ihr schwebte.

 

Mich beschäftigt ihre Geschichte bis heute, denn sie zeigt mir sehr eindringlich, dass wir das Leben manches Mal aus einer anderen Richtung betrachten sollten.

 

Nicht nur die Tatsache am Leben und gesund zu sein ist das, worauf sich unser Glück gründen kann, vielmehr macht uns das manchmal sehr bequem, denn wir leben nicht im Hier und Jetzt und tun die Dinge die uns glücklich machen, sondern wir leben immer für morgen.

Wir treffen unsere Entscheidungen für morgen. Und morgen treffen wir die nächste Entscheidung für übermorgen.

Bis mal einer kommt und sagt: "Dein Morgen ist sehr ungewiss!"

Natürlich wissen wir das ja eigentlich auch alle, denn das Leben von jedem von uns kann morgen vorbei sein. Allerdings ist dieser Gedanke nie besonders präsent. Wir gehen immer davon aus, dass es noch ganz viel Zeit, ganz viel "morgen" gibt.

 

Wenn wir etwas verlieren, haben wir die Chance uns dieser Endlichkeit bewusst zu werden.

Jeder Verlust, der eines Jobs, eines Freundes, eines geliebten Menschen, eines Erfolgs, einer Chance, kann uns daran erinnern und uns ermahnen, die Zeit, die wir hier leihweise verbringen, so zu nutzen wie wir es wirklich wollen.

 

Und vielleicht wären wir alle glücklicher wenn wir nicht so viel aufschieben könnten.

Was, wenn wir den Zeitpunkt und die Art unseres Todes kennen würden. Ich bin mir sicher, dass diese große Gewissheit uns helfen würde ein zufriedeneres Leben zu leben, denn wir könnten nicht soviel auf morgen vertagen und wir wüssten, dass die Idee immer nur für später vorzusorgen nicht unbedingt der einzige Zweck unseres Lebens sein sollte.

 

Vielleicht würde es uns sogar leichter fallen, den Sinn unseres Lebens zu finden.

Der Sinn könnte nämlich sein, nicht ein Leben lang danach zu suchen, sondern sich über dieses großartige Geschenk LEBEN zu freuen und es in angemessener Form zu leben und zu genießen.

 

Der Ausgang ist für uns alle gleich. Irgendwann ist es vorbei.

Und die Frage, ob wir den Sinn unseres Lebens gefunden haben, werden wir uns am Ende beantworten können, wenn es Zeit wird zu gehen und wir sagen können, dass wir unser Leben genutzt haben.

 

Wir sollten also aufhören eine Generalprobe zu leben, wir sollten uns klar machen, dass der Tod die einzige Gewissheit ist, die wir haben. Er ist nicht nur das böse Damoklesschwert, er ist auch der Gegenspieler des Lebens, der uns vielleicht sogar auf eine freundliche Art und Weise, allein durch seine unumstößliche Existenz daran erinnern kann, dass wir ein Leben geschenkt bekommen, um glücklich zu sein.

 

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